Lastabwurf ESP

Im Artikel „Blackout Iberien“ wurden die Ereignisse des 29. April 2025 geschildert, die innerhalb von nur einer Minute zu einem stundenlangen historischen Schwarzfall von nahezu ganz Spanien, Portugal, Andorra und Südfrankreich führten. Seitdem kommt es im spanischen Übertragungsnetz der Redeia Corporación S.A. immer wieder zu kritischen Situationen infolge Überspannung mit automatischem Lastabwurf als letztmögliche Schutzmaßnahme des nationalen Energieversorgungsystems.

Der spanische Übertragungsnetzbetreiber Red Eléctrica de España (REE), Tochter des Infrastrukturdienstleisters Redeia Corporación S.A., musste in den vergangenen Monaten immer wieder außerplanmäßige Maßnahmen ergreifen, um das nationale Transportnetz infolge von Netzstörungen zu stabilisieren. Ursache für diese sogenannten Lastabwürfe war wie auch schon beim massiven Blackout im letzten Jahr eine unzulässige Überspannung im Netz. Dadurch war die Bilanz zwischen elektrischer Erzeugung und Stromverbrauch nicht mehr im Gleichgewicht, so dass Last in Form von mehreren Großkunden aus Industrie und Gewerbe temporär vom Netz genommen werden musste.

Als Lastabwurf bezeichnet man in der Anlagentechnik das gezielte Abschalten von Netzlast zur Lastregelung im Stromnetz. Die Abschaltung wird, da sie in der Regel nicht geplant ist, von automatischen Einrichtungen wie dem Netzschutz bei Erreichen bestimmter voreingestellter Messwerte ausgelöst und automatisch durchgeführt, indem Leistungsschalter in Umspannwerken geöffnet werden. Für die vom Lastabwurf betroffenen Teile des Netzes und die daran angeschlossenen Verbraucher führt diese Maßnahme unmittelbar zu einem Stromausfall. In speziellen Fällen, beispielsweise bei der Resynchronisierung einzelner größerer Netzsegmente im Rahmen eines Netzwiederaufbaus, kann ein Lastabwurf auch manuell von den Leitstellen der Netzbetreiber ausgelöst werden.

Ein Lastabwurf ist die letzte mögliche Maßnahme, um dem drohenden Zusammenbruch eines kompletten Verbundnetzes oder eines Teils davon zuvorzukommen („Blackout“), und dient dazu, die verbleibenden Netzsegmente zur Gewährleistung einer zumindest regionalen Energieversorgung zu stabilisieren. Die einschlägigen Regeln für einen solchen Lastabwurf werden von den regionalen Netzbetreibern festgelegt. In Deutschland sind diese Vorgaben in den Netz- und Systemregeln der deutschen Übertragungsnetzbetreiber des Verbandes der Netzbetreiber (VDN) festgelegt. Kriterien und Gründe für einen Lastabwurf sind insbesondere eine abweichende Netzfrequenz oder -spannung als Folge einer regionalen Überlastung des Energienetzes oder die thermische Überlastung von Betriebsmitteln wie Leitungen oder Transformatoren. Während sich der Lastabwurf in einem Stromnetz zunächst direkt auf die Kunden in Form regionaler Stromausfälle auswirkt, kann es durch die dadurch fehlenden Verbraucher auch zu wechselseitigen Rückwirkungen auf Erzeugungseinheiten und dort wiederum zu einem kraftwerkseitigen Lastabwurf („Trip“ bzw. Not-Aus durch Turbinenschnellabschaltung bei Kernkraftwerken oder Turbinenschnellschluss bei fossilen Kraftwerken) kommen.

Als Grund für die mit zunehmender Häufigkeit auftretenden bedenklichen Schwankungen von Spannung und Frequenz im spanischen Transportnetz nennt Red Eléctrica insbesondere die schwer prognostizierbare Einspeisung aus Erneuerbaren Energien wie vor allem Solar- und Windkraft vor dem Hintergrund von nicht immer ausreichend vorhandenen Reservekapazitäten, funktionierenden Spannungsregelungen und stabilen Steuerungsprozessen. Ähnlich wie in Großbritannien (vgl. Artikel „Blackoutgefahr GB“) kam es auch in diesem Fall aufgrund des raschen Zu- und Ausbaus der regenerativen Energiequellen wiederholt zu physikalischen Engpässen im Höchstspannungsnetz, die eine zwangsweise Aktivierung von unterschiedlichen Mechanismen nach sich zogen, um einen sicheren Systembetrieb zu gewährleisten. Dieser aus netztechnischer Sicht teilweise auch als „Problem der Energiewende“ bezeichnete Umstand stellt die europäischen Netzbetriebsführungen in den Leitständen vor immer größere Herausforderungen.

Angesichts der in den vergangenen Monaten immer wieder vermehrt auftretenden starken Spannungsschwankungen im Netz hat Red Eléctrica die staatliche Marktaufsicht Comisión Nacional del Mercado de Valores (CNMV) sowie das spanische Ministerium für den ökologischen Wandel (Ministerio para la Transición Ecológica y el Reto Demográfico, MITECO) in einem Schreiben gebeten, entsprechende Sofortmaßnahmen für die Stabilität des nationalen Stromnetzes zu genehmigen, um einen erneuten Zusammenbruch des Versorgungssystems zu verhindern. Sollten die vom Netzbetreiber vorgeschlagenen Änderungen nicht umgesetzt werden, könnten sich die Schwankungen laut Red Eléctrica erneut auf die landesweite Versorgungssicherheit in Form eines teilweisen oder wiederum kompletten Schwarzfalls auswirken (Bildquelle: Red Eléctrica de España).