In den vergangenen Wochen kam es in enger zeitlicher Abfolge zu mehreren gezielten Sabotageangriffen auf die öffentliche Energieversorgung in Deutschland. Die insgesamt fünf Anschläge bei Köln, in Brandenburg, bei Dormagen, im Landkreis Oldenburg sowie bei Aachen führten zu Ausfällen von Kraftwerksanlagen sowie zu Leitungsunterbrechungen in den Hoch- und Höchstspannungsnetzen der von den Vorfällen betroffenen Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber.
Erst im Januar dieses Jahres kam es in Berlin durch einen gezielten Brandanschlag zu einem großflächigen und mehrere Tage andauernden Stromausfall (siehe dazu Artikel „Blackout Berlin“).
In der Folge der jüngsten Angriffe auf Kritische Infrastrukturen (KRITIS) sind mehrere große Kraftwerksblöcke und Spannungsleitungen mit einer zum Zeitpunkt der Vorfälle erbrachten Einspeise- bzw. Transportleistung im Gigawatt-Bereich abgeschaltet bzw. durch Not-Aus automatisch vom Netz zwangsgetrennt worden, so dass eine sichere und stabile Energieversorgung der Bevölkerung störungsbedingt nicht mehr gewährleistet war. Zu einem Schwarzfall kam es aufgrund der einschlägigen Sicherheitsvorkehrungen sowie der zum Tatzeitpunkt umgehend ergriffenen Schutzmaßnahmen trotz einer erheblicher Leistungsreduktion und Leitungsunterbrechung nach derzeitigem Kenntnisstand jedoch nicht.
Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen des dringenden Tatverdachts der verfassungsfeindlichen Sabotage Kritischer Infrastrukturen sowie wegen der vorsätzlichen Störung öffentlicher Betriebe. Die Anschläge werden von den Sicherheitsbehörden einem hybriden Angriffsszenario zugeordnet, da zahlreiche Hinweise darauf hindeuten, dass unterschiedliche Angriffsformen Teil eines gemeinsamen Vorgehens sein könnten – dazu werden neben Sabotage auch Spionage, Cyberangriffe, Drohnenattacken oder Desinformation gezählt. Ziel davon ist es, einen Staat, seine Einrichtungen oder seine Gesellschaft zu schwächen, ohne die Schwelle eines offenen Krieges zu überschreiten. Die Urheber versuchen dabei in der Regel, ihr Vorhaben und ihre Beteiligung zu verschleiern.
Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass beispielsweise die Anschläge auf die Hochspannungsfreileitungen am Umspannwerk Rommerskirchen gezielt auf die volle Stunde (20:00 Uhr MESZ) gelegt wurden. Innerhalb von nur zwei Minuten kam es dort zu insgesamt sieben Störereignissen im System des Übertragungsnetzbetreibers Amprion mit dem Ergebnis eines sukzessiven deutlichen Abfalls der Netzfrequenz und somit zu einem kurzzeitigen Spannungsabfall. Dadurch sollte die mit dem Anschlag verbundene Veränderung der Netzfrequenz offenbar in den ohnehin regelmäßig auftretenden Frequenzänderungen infolge von Kraftwerks- bzw. Einspeiseänderungen um die volle Stunde weniger auffällig sein. Die zu dieser Zeit generell erhöhte Häufigkeit entsprechender Frequenzveränderungen hätte eine mögliche Störung somit zunächst verschleiern können.
Die an Anzahl und Intensität zunehmenden Angriffe auf Kritische Infrastrukturen zeigen das insgesamt gestiegene Bedrohungspotenzial auch in Europa als Teil des Konfliktraums des Ukraine-Krieges und zielen darauf ab, die Gesellschaft durch hybride Angriffe wie Sabotageakte oder Cyberangriffe durch den damit einhergehenden Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und Strukturen zu verunsichern, zu stören und zu polarisieren. Kennzeichnend dabei ist stets das Zusammenspiel mehrerer Maßnahmen: Einzelne Vorfälle wirken oft unverbunden, doch erst das Gesamtbild kann mögliche Zusammenhänge zwischen ihnen erkennbar machen.
Neben Anschlägen auf Bahn- und Stromleitungen, Kommunikationsnetze, Interkonnektoren und Unterseekabel oder Cyberangriffen auf Behörden und Unternehmen kommen dabei auch Drohnen, zum Beispiel zwecks Spionage von infrastrukturellen Knotenpunkten wie Flughäfen, Raffinerien oder Kraftwerksanlagen, sowie auf die öffentliche Meinung zielende Informationsoperationen in Form von Medienmanipulation, Desinformation oder Falschmeldungen unter Anwendung von Künstlicher Intelligenz zum Einsatz. Das Europäische Parlament fordert angesichts der zunehmenden terroristisch oder politisch motivierten Anschläge einen besseren Schutz der KRITIS-Anlagen in Europa. Dennoch lässt sich diese hochvernetzte und komplexe Infrastruktur kaum vollständig schützen, so dass es eine hundertprozentige Sicherheit nicht geben kann (Bildquelle: Marco Kneise).