Blackoutgefahr GB

Am 23. Juni 2026 wurden während der Hitzewelle mehrfach kritische Sicherheitsgrenzwerte im Betriebsbereich der Netzfrequenz im Übertragungsnetz des britischen Transportnetzbetreibers NESO überschritten. Ingenieure des nationalen Energienetzbetreibers haben daraufhin eine dringende Warnung an die zuständige Regulierungsbehörde OFGEM sowie an die Öffentlichkeit ausgesprochen und erklärt, sie hätten die Kontrolle über das britische Stromnetz verloren.

Dieser auch als NESO Significant Event Report bezeichnete Bericht wurde bereits wenige Stunden nach dem kritischen Ereignis verfasst und besagt, dass während des Vorfalls die Systemsicherheit beeinträchtigt und sogar gefährdet wurde. Weiterhin werden fünf separate Überschreitungen der Auslastungsgrenzen des Systems aufgelistet, bei denen der Grenzwert jeweils unzulässigerweise um eine Leistung im dreistelligen Megawattbereich überschritten wurde, wobei die größte Überschreitung rund 700 MW erreichte. In diesem Zeitraum geriet die Netzfrequenz des britischen Stromnetzes mehrfach außerhalb des normalen Betriebsbereichs und verblieb dort für etwa 48 Minuten. Weiter heißt es darin, dass diese Überschreitungen auftraten, ohne dass „vor oder nach dem Vorfall Maßnahmen zur Risikominderung zur Verfügung standen“.

Der Bericht hebt hervor, dass ein Großteil der neuen, dezentralen Erzeugung in der Echtzeit-Systemansicht von NESO nicht eindeutig abgebildet sei. Stattdessen müssten sich die Teams in der Leitwarte bei der Strombeschaffung und der Anlagensteuerung auf unzuverlässige Prognosen und Schätzungen verlassen. Das Dokument warnt davor, dass NESO momentan kein einheitliches, zentrales Modell zur Berechnung und Überwachung des zur Aufrechterhaltung der Netzstabilität erforderlichen Strombedarfs besitze. Dies führt zu uneinheitlichen Prognosemethoden und individuellen Entscheidungen, die zu stark von subjektivem Urteilsvermögen der diensthabenden Netzingenieure abhängen. Whistleblower haben zudem behauptet, dass hochrangige NESO-Manager versucht hätten, die Schwere des Vorfalls herunterzuspielen und die Netzmeister im Leitstand davon abgehalten hätten, eine vollständige Dokumentation der Ereignisse des 23. Juni zu erstellen. Die NESO-Mitarbeiter erklärten: „Wir Ingenieure bitten OFGEM nun schon seit zwei Jahren um eine Untersuchung, um die Sicherheit des Systems zu gewährleisten. Wir haben keine Kontrolle über das System. Wir haben unser Bestes getan. Nun liegt es an der Öffentlichkeit und der Regulierungsbehörde. Wir bitten um Hilfe.“

Durch die bestehende Blackout-Gefahr war NESO (engl.: National Energy System Operator) gezwungen, entsprechende Notfallmaßnahmen zur Vermeidung eines drohenden Schwarzfalls zu ergreifen, insbesondere die Anforderung zusätzlicher Erzeugungskapazitäten oder die Reduzierung der Stromexporte in andere Länder, um die Systemsicherheit des instabil gewordenen Übertragungsnetzes wiederherzustellen. Die staatliche Energieregulierungsbehörde OFGEM (engl.: Office of Gas and Electricity Markets) kündigte daraufhin an, eine behördliche Untersuchung des kritischen Vorfalls sowie der Vorwürfe einzuleiten, wonach NESO den Ernst der Lage vertuscht haben soll. Die Überwachungsbehörde hat zudem eine separate amtliche Überprüfung angeordnet, um festzustellen, ob das nationale Transportnetz zu jeder Zeit sicher und stabil betrieben wurde (Systemzustand) und ob gegebenenfalls gegen regulatorische Vorschriften verstoßen wurde (operative Entscheidungsprozesse sowie Einhaltung der Sicherheitsstandards während der Systembelastungsereignisse).

NESO bestätigte in einer ersten Stellungnahme die Echtheit des von der britischen Tageszeitung Daily Mail veröffentlichten 82-seitigen Detailberichts, erklärte jedoch, es handele sich um vorläufige Dokumente, die kurz nach dem Vorfall erstellt worden seien und keine endgültige Einschätzung darstellten. Dennoch deutet diese vertrauliche Enthüllung letztlich darauf hin, dass der rasante Ausbau sowie die zwingend erforderliche Integration erneuerbarer Energien – wie zehntausender Windparks und Solaranlagen –, Batteriespeicher sowie lokal vernetzter Stromquellen in Form kleinerer Generatoren vor dem Hintergrund der angestrebten CO2-Neutralität die derzeitigen Steuerungs- und Überwachungsmöglichkeiten des britischen Netzbetreibers offenbar übersteigen. Diese die Vorhersagbarkeit und Widerstandsfähigkeit (Resilienz) des Netzes mindernde Transparenz hinsichtlich Angebot und Nachfrage bei den hinzugekommenen und noch hinzukommenden Energiequellen erschwert es der Netzbetriebsführung, die Energieflüsse im eigenen System präzise zu prognostizieren.

Das britische Stromnetz, das größtenteils noch im 20. Jahrhundert errichtet wurde und historisch gesehen traditionell in erster Linie für einige wenige zentralisierte Großkraftwerke mit entsprechend planbaren und unidirektionalen Energieflüssen zu den Verbrauchern ausgelegt ist, befindet sich durch einen tiefgreifenden Wandel hin zu einem dezentralen System mit zunehmender Abhängigkeit von fluktuierenden erneuerbaren Energiequellen unter einer immer größer werdenden Belastung. Dieser Wandel ist entscheidend für das Erreichen der britischen Klimaneutralitätsziele bis zum Jahr 2050, die eine vollständige Dekarbonisierung des Stromsystems anstreben. Er bringt für die alternde und vergleichsweise statische Netzinfrastruktur Großbritanniens hinsichtlich des mittlerweile unzureichenden Netzdesigns jedoch erhebliche betriebliche Herausforderungen und Komplexitäten vor dem Hintergrund der Integration variabler erneuerbarer Energiequellen und geographisch dezentraler Erzeugungsanlagen für die Aufrechterhaltung der Netzstabilität und -sicherheit sowie für die Gewährleistung einer sicheren kontinuierlichen Energieversorgung mit sich.

Die Variabilität erneuerbarer Energiequellen in Abhängigkeit von Tageszeit, Wetterlage und Jahreszeit führt zu Instabilitäten im System und erfordert einen ständigen Ausgleich in einem dynamischen Netz, um eine zuverlässige Stromversorgung zu gewährleisten. Ohne ausreichende Energiespeicherkapazitäten oder netzweite Ausgleichsmechanismen kann überschüssige Energie aus Spitzenproduktionszeiten ungenutzt bleiben (Produktion > Last), während bei Engpässen zu Hochlastzeiten gegebenenfalls auf fossile Reservekraftwerke zurückgegriffen werden muss (Last > Produktion). Die Aufrechterhaltung und Gewährleistung von Netzstabilität und Versorgungssicherheit hat jedoch nach wie vor oberste Priorität. Dabei ist beispielsweise auch zu berücksichtigen, dass der Wandel weg von konventionellen Wärmekraftwerken den Verlust bestimmter, von diesen bereitgestellter netzdienlicher inhärenter Systemeigenschaften wie Trägheit oder Spannungs- und Frequenzregelung bedeutet. Derartige Systemdienstleistungen müssen daher zukünftig anderweitig beschafft werden (Bildquelle: Energy Live News).